Astronomie in Ostsachsen

 

 

Nachdem ich zwei Jahre in Ostsachsen gewohnt und gearbeitet habe, möchte ich Ihnen liebe Leser meine Erfahrungen und Eindrücke ein wenig näher bringen. Neben landschaftlichen Besonderheiten stößt man immer und überall auf besondere Perlen der Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte.

Bevor ich einzelne Sehenswürdigkeiten näher darstellen will, einige Bemerkungen vorweg.

In ganz Sachsen, wie auch in allen anderen sog. "neuen Bundesländern" findet sich in jeder Stadt mindestens eine Sternwarte bzw. ein Projektionsplanetarium. Dies rührt noch daher, dass die Astronomie in der 10. Klasse als Pflichtfach in den Schulen geführt wurde, somit jeder Schüler im Laufe seiner Schulausbildung mindestens einmal in einer Sternwarte gewesen sein muss. Die Sternwarten wurden von der damaligen Regierung stark unterstützt. Dies äußerte sich einmal in der Ausstattung, aber auch in der Betreuung und Verwaltung der Sternwarten. Zeiss-Jena produzierte sog. Telementor Fernrohre, die den Schülern zum Beobachten zur Verfügung standen, ferner sog. Kleinplanetarien und natürlich auch größere Teleskope.

In den Planetarien wurde natürlich der Sternhimmel erklärt, aber auch die Himmelsmechanik, die Entstehung der Jahreszeiten, auch die Heimatkunde, ja sogar für den Deutschunterricht konnte das Planetarium besucht werden.

Zur Betreuung waren meist Lehrer hauptamtlich angestellt. Zu deren Unterstützung ferner noch Techniker.

Aber, dies war einmal.

Heute sieht die Situation in den Sternwarten ein klein wenig anders aus.

Einigen von Ihnen ist sicherlich der Ausspruch von Herrn Marx aus Tautenburg (bei unserem Vereinsausflug 1991) noch in Erinnerung, der lautete: "Früher (vor der Maueröffnung) hatten wir genug Geld zur Verfügung, dafür ist uns ab und zu der Strom ausgefallen. Heute ist es genau umgekehrt". Mit dieser Situation haben auch heute noch einige Einrichtungen zu kämpfen, teils wurden sie in einen Verein umgewandelt, der aber Probleme hat, finanziell über die Runden zu kommen, von fest angestellten Mitarbeitern gar nicht zu reden.

Da ich in der Nähe von Görlitz gearbeitet habe, möchte ich Ihnen nun einige der Einrichtungen dort näher beschreiben. Zum einen die dortige "Bartholomäus Scultetus Sternwarte". Diese Sternwarte liegt am Südrand der Stadt in einer Kleingartenanlage. Die Beobachtungsbedingungen sind daher sehr gut. Die Einrichtung wird geleitet von Herrn Lutz Pannier, der jeden Besucher sehr freundlich empfängt. Ihm zur Seite stehen noch zwei weitere Angestellte. Die Sternwarte ist in den Görlitzer Schulbetrieb integriert und daher auch noch von den verschiedenen Schulklassen stark frequentiert. Neben verschiedenen Telementor Fernrohren steht als Hauptbeobachtungsgerät ein 400 mm Teleskop zur Verfügung. Ansonsten gehört zur Einrichtung ein Zeiss-Projektionsplanetarium und verschiedene Präsentationsgeräte wie z.B. Diaprojektoren, ein Videoprojektionsgerät u. a.

Neben der Betreuung von Schulklassen ist der Sternwarte auch daran gelegen, regelmäßige Treffs für Amateurastronomen dieser Region durchzuführen, Vorträge zu veranstalten oder auch kleinere Exkursionen zu organisieren und durchzuführen. Eine dieser Exkursionen führte uns in die Innenstadt, welche vor alten Kaufmannshäusern, ähnlich in Augsburg, nur so strotzt.

In einem dieser Häuser (Neißstraße 30) ist die 1779 von Karl Gottlob Anton und Adolf Traugott von Gersdorf gegründete Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften untergebracht. Beide Herrn lebten in einer Zeit des Wissenschaftlichen Aufbruchs, sie waren Vertreter von Natur- u. Geisteswissenschaften, Kunstsammler und schließlich auch Forscher. Sie hinterließen neben interessanten Sammlungen, wie z.B. das physikalische Kabinett mit Instrumenten zur meteorologischen Beobachtung, astronomischen Geräten, sowie Instrumente zum Experimentieren mit Elektrizität, auch eine Natur- und Geisteswissenschaftliche Bibliothek, die wohl ihres gleichen sucht. Beim Anblick der sog. "Triumpfbögen der Naturwissenschaften"(siehe Abb. 1) bleibt einem Schlichtweg die Spucke weg. Zu den mehr als 100 000 Bänden der Sammlung gehören auch ganz seltene Bücher aus der Frühzeit der Buchdruckerkunst wie z.B. von dem bekannten Astronomen Regiomontanus. Die Bibliothek, wie auch die verschiedenen Sonderausstellungen können zu den Öffnungszeiten besichtigt werden.

Direkt in der Nähe dieses Hauses am Görlitzer Untermarkt kann eine einmalig schöne Sonnenuhr, von Zacharias Scultetus bewundert werden (siehe Abb. 2). Die Sonnenuhr galt lange Zeit als die Normaluhr der Stadt, da Görlitz auf dem 15. Längengrad liegt (Gedenkstein an der Stadthalle beachten). Darüber hinaus findet sich die Angabe der Planeten- und Tierkreiszeichen, die nach der Lehre damaliger Astrologie den Stunden ihre jeweilige Bedeutung gaben. Außerdem sind verschiedene Zeitrechnungen ablesbar, wie die babylonische, römische und nürnbergische Zeit.

Wie schon erwähnt gibt es in jeder größeren Stadt in Sachsen eine Sternwarte, so z.B. in Bautzen, in Radeberg und u.a. in Radebeul bei Dresden den Astroclub. Ebenfalls aus einer kommunalen Einrichtung hervorgegangen, betreibt nun ein Verein diese sehr schön über der Elbe gelegene Sternwarte mit einigen Fernrohren, Spektrograph und auch sonst. verschiedenste Techniken. Sehr beeindruckend ist die Sammlung von Sonnenuhren im Hof der Anlage. Neben dem Planetarium kann auch ein original Eisenmeteorit und ein paar Krümel Mondgestein bewundert werden. Der Astroclub organisiert auch öfters Beobachtungsabende im Zittauer Gebirge. Der höchste Berg, die Lausche (ca. 800 m), ist ein idealer Beobachtungsplatz. Lediglich die Anreise ist ein bisschen schwierig, da der Berg nur zu Fuß bestiegen werden kann. Alle Geräte und Ausrüstungsteile sind also Hochzutragen. Auf dem Gipfel angekommen, ist es aber möglich, eine Schutzhütte zu benützen, und nötigenfalls dort sogar zu übernachten.

Übrigens sind die Ostsächsischen Sternwarten in einem überregionalen Verein zusammengeschlossen, der in regelmäßigen Abständen (alle 2 Monate) ein Nachrichtenheft unter der Bezeichnung "Information der Sternwarten und astronomischen Vereine im Raum Ostsachsen und Niederschlesien (ISAVON) herausbringt. In diesem Heft sind alle dortigen Sternwarten mit Anschrift und Öffnungszeiten und derzeitigem Programm aufgeführt. Dieses Heft kann bei uns auf der Sternwarte in Diedorf eingesehen werden.

Ganz in der Nähe der Lausche befindet sich das malerische Kurörtchen Oybin. Eine kleine Wanderung auf die Burg- und Klosteranlage lohnt sich allemal, wartet dort oben doch eine ganz besondere Perle auf einen. Die Rede ist von einer "Camera Obscura" (siehe Abb. 3). Camera Obscuras dürften zu den ältesten Entdeckungen der Menschheit gehören. Die Funktionsweise der Camera Obscura auf dem Oybin beruht darauf, dass die Bilder der Umgebung von einem Planspiegel ins innere einer "dunklen Kammer" geworfen und auf einem Tisch abgebildet werden. Die Scharfeinstellung des Bildes erfolgt durch die Veränderung der Tischhöhe. Ein Linsensystem dient lediglich dazu, das Bild auf eine dem Tisch entsprechende Größe zu bringen. Die Vorgänge in der Umgebung werden "live" wiedergegeben, und da Linsensystem und Planspiegel die Frequenzen der Farben nicht ändern können, entsteht ein bewegtes Bild in den natürlichen Farben. Es handelt sich also um das erste Farbfernsehen der Welt - ohne Elektronik - dessen Prinzip bereits Leonardo da Vinci um das Jahr 1500 erforschte und damit den Grundstein der Fotografie legte. Es ist schon eine tolle Sache, die Landschaft in der Umgebung auf dem Tisch zu betrachten, oder den lebhaften Kurort Oybin. Ein besonderes Ereignis ist es, wenn die Camera zufällig die dort noch regelmäßig fahrende Schmalspurdampfeisenbahn einfängt. Die Camera Obscura ist von Mai - Oktober, samstags, sonntags und an Feiertagen von 10 - 16 Uhr geöffnet. Ein sehr freundlicher und engagierter Vorführer erklärt einem die Arbeitsweise und verkauft einem sogar eine Bauanleitung zum Bau einer eigenen Camera Obscura.

Zurück in Dresden ist neben den üblichen Touristenzielen es interessant, die Sächsische Landesbibliothek zu besuchen. Als besonderes Schmankerl gibt es dort die einzige original Maya-Handschrift in Deutschland. Von den einst hunderten Maya-Enzyklopädien, die es vor der Eroberung durch die Spanier gab, sind leider nur noch drei erhalten. Eine davon, wie gesagt, in Dresden. Wenn auch das Original mal nicht angesehen werden kann, so gibt es eine sehr gute Reproduktion, die u. U. sogar abfotografiert werden kann.

Bei ihrem Dresden Bummel kommen sie ja zwangsläufig auch zum Dresdner Zwinger, versäumen sie nicht neben der Gemäldesammlung "Alte Meister", der Rüstkammer oder der Porzellansammlung auch den sog. mathematisch-physikalischen Salon zu besuchen.

Dieser Salon enthält neben zahlreichen Himmels- und Erdgloben, geodätischen Instrumenten, meteorologischen Instrumenten, astronomischen Instrumenten, mathematischen Instrumenten auch eine ganze Reihe Zeitmeßinstrumente (siehe Abb. 4).

Diese Uhrensammlung beinhaltet Uhren aus den Anfängen der Zeitmessung wie z.B. Sanduhren, Sonnenuhren, Feueruhren, Wasseruhren auch wunderschön gestaltete mechanische Uhren, auch von Augsburger Uhrmachern. Ein besonderes Exemplar dürfte wohl die sog. "Gnomonica Fundamentalis", ein Buch zur Herstellung von Sonnenuhren, sein, geschrieben ca. 1720 von einem Augsburger namens J. F. Penther. Bild 3: Himmelsgloben im Dresdner Zwinger

Damit möchte ich meine Betrachtung der Astronomie in Ostsachsen beenden. Sie sehen es gibt eine ganze Reihe von Sehenswürdigkeiten, die nur auf ihre Entdeckung warten. Sollten Sie noch Fragen zu den einzelnen Themen haben (Öffnungszeiten, Preise usw.), oder sich für die Programme der Ostsächsischen Sternwarten interessieren, stehe ich Ihnen gerne auf der Sternwarte in Diedorf zu Verfügung. Da inzwischen diese Zeitschrift auch nach Ostsachsen geschickt wird, möchte ich mich an dieser Stelle bei allen, die mich überall mit einer Freundlichkeit und Herzlichkeit aufgenommen haben, die man in den "alten Bundesländern" nur schwer findet, bedanken. Besondere Grüße an Herrn Lutz Pannier, Steffen Reimann (beide Görlitz), Thomas Rattei (Radebeul) und an die Mitglieder des Treffs der Görlitzer Sternfreunde.


Dieter Meyer

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