Astronomie früher Kulturen

8. Teil: Sternkunde im alten Europa (Fortsetzung)

 

Nachdem ich Ihnen in der letzten Ausgabe die Anfänge der germanischen und keltischen Sternkunde näher gebracht habe, möchte ich Sie diesmal in die Zeit um Christi Geburt bis ins Mittelalter versetzen. Diese Zeitspanne ist geprägt von zwei unterschiedlichen Epochen. Als erstes die Zeit, in der fremdes Wissen in unseren Kulturkreis kam und aufgenommen wurde und schließlich die Zeit der eigenen Sternforschung. Eine genaue zeitliche Bestimmung für die Aufnahme der antiken und arabischen Sternkunde ist nicht möglich, da der Beginn der Aneignung bei den verschiedenen Völkern verschieden anzusetzen ist. Dort, wo durch die ständige Berührung mit den Römern und Griechen wie in Frankreich, Süddeutschland, auf dem Balkan und in Italien oder durch den Handel eine Vermittlung antiken Wissens unvermeidbar war, erfolgte die Aneignung schon vom 3. Jahrhundert an, während bei den abgelegenen Völkern sich dies erst im 10. Jahrhundert ereignete. Auch die andere Zeitgrenze, der Abschluss der Aneignung und Verarbeitung fremden Wissens und der Beginn der eigenen Sternforschung lässt sich nicht mit einem bestimmten Jahrzehnt gleichsetzen. Vielmehr fällt die Zeitgrenze in das 15. bis 18. Jahrhundert je nach den Gebieten, denen sich die Bevölkerung zuwandte.

 

Die Aneignung fremden Wissens

Ausschlaggebend für die Übermittlung und Aneignung fremden Wissens war das Wirken der christlichen Kirche. Die christlichen Priester, welche sich der Bekehrung der heidnischen Germanen widmeten, übermittelten außer der christlichen Lehre auch Wissen, wie z.B. die christliche Zeitrechnung. Kleine Werke über die Zeitrechnung dienten zum Unterricht. Die Ostertafeln und Kalender wurden häufig benutzt, um wichtige Ereignisse der Natur und des Staatslebens einzutragen, die ersten Anfänge der mittelalterlichen Aufzeichnung von Beobachtungen. Besonders die irisch-schottischen Mönche keltischen Blutes, haben auf diese Weise Wissen in Frankreich und Deutschland verbreitet. In Italien und Spanien war es mehr die Sammlung und Verarbeitung der Überreste römischen Wissens, womit sich die Priester, besonders die Benediktinermönche, befassten. Diese gesammelten und verarbeiteten Werke sind es, welche dem Schulbetrieb des 8. - 10. Jahrhunderts dienen sollten. Worin bestand dieses überlieferte Wissen? Es war ungefähr dasselbe, wie es in der Zeit vom 3. - 5. Jahrhundert zum Unterricht der Römer gedient hatte. An sternkundlichen Werken wurde die Himmelsbeschreibung des Aratos in der Ausgabe des Germanicus und in der Überarbeitung des Hyginus, das Werk des Martianus Capella und weitere Ausführungen über das Weltgebäude verwendet. Dazu kamen Sammelschriften, welche Auszüge aus der Naturgeschichte des Plinius sowie aus Werken über Feldmessung und über Maß- und Zeiteinheiten enthalten; ferner noch einzelne Abbildungen von Figuren der Sterne, selten des ganzen Sternhimmels, oder auch Darstellungen der Bewegungen der Planeten, gelegentlich mit der Abänderung, dass Venus und Merkur die Sonne umkreisen. Auch ist zu erwähnen, dass in Süddeutschland, Frankreich, Italien und Spanien noch vielfach Zeugen der römischen Tagesteilung in Gestalt von ortsfesten oder tragbaren Sonnenuhren vorhanden waren, vielleicht auch Wasseruhren, wie sie seit dem 5. Jahrhundert gelegentlich hergestellt wurden. Häufig konnte jedoch mit den Informationen nicht viel angefangen werden. Es fehlten nicht nur leicht fassliche einführende Schriften, vielmehr konnten die Schriften des römischen Schulunterrichtes wegen ihrer Bevorzugung der mit den Sternbildern verknüpften Sternsagen, die den Germanen fremd waren und fern standen, nicht zu eigenem Wissen, höchstens zum Prunken mit unverstandenem Wissen führen. Auch bei den Geräten, die den Wirklichkeitssinn der Germanen eher hätten befriedigen können, war es nicht anders. Auch hier Steine statt Brot. Selbst dort, wo wie bei Vitruv die Anleitung zum Bau von Uhren mitgeteilt wurde, konnte sie dem Unwissenden nichts geben, setzte vielmehr die Kenntnis der Uhren voraus. Folglich mussten viele vorhandenen Sonnen- und Wasseruhren daran glauben.

Vom 10. Jahrhundert an machte sich der Einfluss der arabischen Wissenschaft bemerkbar. Gerbert v. Aurillac (später Papst Sylvester II) bat um die Jahrtausendwende einen Lupitus von Barcelona um dessen Übersetzung einer Sternkunde. Um die gleiche Zeit müssen die Schriften über die Herstellung und den Gebrauch eines Astrolabiums übersetzt worden sein, welche dem Gerbert v. Aurillac und dem Hermann dem Lahmen als Grundlage für ihre Schriften dienten. Die Übersetzungen sind wohl in Spanien erfolgt. Hier setzte in der Mitte des 12. Jahrhunderts eine lebhafte Übersetzertätigkeit ein. Hauptsächlich handelte es sich um die Übersetzung arabischer Schriften. Gelegentlich erfolgte die Übersetzung nicht unmittelbar aus dem Arabischen, sondern auf dem Umweg über das Hebräische. Etwa gleichzeitig mit den Übersetzungen aus dem Arabischen erfolgten solche aus dem Griechischen. Einzelne griechische Alphabete und Wörterübersetzungen sind in den Handschriften des 9. und 10. Jahrhunderts anzutreffen. Jedoch erst das 12. Jahrhundert brachte die Übersetzung wissenschaftlicher Werke. So wurde das Handbuch des Ptolemaios im Jahre 1160 übersetzt, wohl in Süditalien. Etwas später um 1175 erfolgte die Übersetzung dieses Handbuchs aus dem Arabischen ins Lateinische durch Gherardo da Cremona.

In den ersten Jahrhunderten der Christenheit ist eine Ablehnung der Wissenschaft noch nicht vorhanden. Kirchenväter nehmen an den Bestrebungen der Wissenschaft teil und suchen ihre Kenntnisse bei der Auslegung der Schöpfungsgeschichte vorzubringen. Dagegen haben die Christen des 3. Und 4. Jahrhunderts sich um die Wissenschaft nicht sehr gekümmert; ja ihre Kirchenväter haben häufig ihre Verachtung und Gleichgültigkeit gegen die Wissenschaft offen zur Schau getragen und sich lieber mit der Ausrede des Geographen von Ravenna: „Nur Gott allein weiß es" beruhigt, als selbst nach den Zusammenhängen der Dinge zu forschen. Man kann sagen, dass man in der Epoche vom 2. bis zum 9. Jahrhundert n. Chr. im großen und ganzen davon überzeugt war, daß die Beobachtung der Natur zu nichts diene und dass die wesentlichen Werte in der Tiefe des Selbst und in den heiligen Schriften zu finden wären, die zu uns von Gott und von der Bestimmung der Menschen sprechen.

Der hl. Augustinus lenkte die Aufmerksamkeit der Christen auf die Ansichten Platos. Diese fanden vor den Kirchenvätern Gnade. Auf diese Weise geraten immerhin Bruchstücke des antiken Wissens in die Schriften der Kirchenväter.

 

Die Erfassung der Zeit

Die christliche Kirche hatte von den Römern das Julianische Jahr übernommen. Allerdings wurden wichtige Ereignisse aus dem christlichen Leben mit dem Julianischen Jahr verbunden. Um auch auf die Ackerbau betreibende Bevölkerung einzuwirken wurde das Leben Christi und seiner Jünger mit dem Jahreslauf der Sonne verglichen. Das Kirchenjahr berücksichtigte weitgehend die landwirtschaftliche Tätigkeit unter Einführung der germanischen Bittgänge um Fruchtbarkeit und Regen. Die Aufnahme des Jahres mit seinen Ereignissen in den christlichen Gottesdienst erfolgte im 4. Jahrhundert. Bereits in der Mitte des 2. Jahrhunderts waren Christus nebst seinen 12 Jüngern mit der Sonne und den 12 Monaten verglichen und ihm Johannes als Mond gegenübergestellt worden. Die im 4. Jahrhundert vor sich gehende Verknüpfung des Sonnenlaufs mit dem Gottesdienst ging von dem Wort des Johannes „er muss wachsen, ich aber muss abnehmen" aus und verglich Christus mit der an Wirkung zunehmenden Sonne. Schließlich kam man zu folgenden Gedenktagen: Geburt Christi am 25. Dezember zur Wintersonnenwende, Empfängnis Christi = Mariä Verkündigung am 25. März = Frühlingsnachtgleiche, Geburt des Johannes am 24. Juni zur Sommersonnenwende und Empfängnis des Johannes am 24. September = Herbstnachtgleiche. Man behielt die Jahrespunkte des Julianischen Kalenders bei, obwohl die Kirchenlehrer bereits vom 3. Jahrhundert an, dem Beispiel der alexandrinischen Gelehrten folgend, die Jahrespunkte 4 Tage eher angesetzt hatten. Das Kirchenjahr begann mit dem Geburtstag Christi, der seit dem Jahr 354 am 25. Dezember gefeiert und bei den Heiden der Tag der unbesiegten Sonne genannt wurde. Außer diesen Jahreskennzeichen benötigte die christliche Kirche noch Kennzeichen zur Berechnung des Osterfestes. Das Osterfest, das wichtigste christliche Fest, wurde zum Andenken an die Auferstehung Christi 2 Tage nach seiner Kreuzigung gefeiert. Der Tod erfolgte am Freitagabend vor dem Passahfest, das mit dem 1. Vollmond nach Frühlingsanfang zusammenfiel. Die Auferstehung erfolgte am Morgen des übernächsten Tages. Ursprünglich wurde das Osterfest nach jüdischer Berechnung gefeiert. Später stellte die christliche Kirche eigene Regeln zur Berechnung des Osterfestes auf, die jedoch teilweise unterschiedlich aufgefasst wurden. Zur Erleichterung der Terminbestimmung für Ostern wurden sog. Ostertafeln veröffentlicht. Insgesamt war die christliche Zeitrechnung durch die Einführung des beweglichen Osterfestes mitsamt dem Pfingstfest in die starre, dem Sonnenjahr angepasste Festfolge sehr umständlich geworden.

Das Christentum brachte die Einteilung des Tages in ungleiche Stunden. Von diesen Stunden hob es einige für die Gebetszeiten als wichtig heraus. Auch bei den Germanen führte die von den Christen übernommene Sitte der jüdischen Gebetszeiten zu einer festen Tageseinteilung. Die ursprüngliche Gebetsordnung verlangte morgens, mittags und abends je ein Hauptgebet. Die strenge Einhaltung der Gebetszeiten in den Klöstern verlangte einen geordneten Tageslauf und Uhren zur Einhaltung der Stunden, besonders das Frühaufstehen; deshalb waren die ältesten Sonnenuhren und später auch Gewichtsuhren in Kirchen und Klöstern aufgestellt. An Zeitmessern waren in Klöstern außerdem Wasseruhren im Gebrauch. Die ältesten Sonnenuhren finden sich in England und zwar vom Jahre 675. Sie sind steinerne Scheiben, senkrecht auf Säulen aufgestellt oder in der Südwand einer Kirche eingemauert. Oft enthalten sie nur einen gevierteilten Kreis mit einem Loch in der Mitte, ohne weitere Einteilung und ohne Bezifferung. Sie sind so merkwürdig, dass ihnen jede Beziehung zur Tagesteilung abgesprochen wurde. Vermutlich handelt es sich dabei um Denkmale für den Sonnengott. Neben diesen Sonnenuhren, die nicht in erster Linie als Sonnenuhren gedacht waren und höchstens die Mittagszeit angeben konnten, sind in England auch die Sonnenuhren mit der Einteilung des Tages in zwölf ungleichlange Stunden vertreten. Zusätzlich zu diesen ortsfesten gab es auch tragbare Sonnenuhren. Sehr beliebt war seit dem 10. Jahrhundert auch das Astrolabium zur Bestimmung der Zeit, ferner auch der Quadrant, besonders in der Form des Sonnenquadranten.

Die Erfassung des Raumes

In der Beachtung bestimmter Himmelsrichtungen schloss sich die christliche Kirche der herrschenden Meinung an. Die Ostrichtung war bevorzugt. Die Toten wurden in der Richtung West-Ost mit dem Blick nach Osten bestattet. Beim Bau von Kirchen wurde soweit als möglich die Hauptrichtung, der Blick zum Heiligtum, nach Osten gelegt. Die Grabeskirche in Jerusalem besaß den Eingang im Osten, je eine Nische im Norden, Westen und Süden. Als Bezugsebenen galten im Mittelalter der Horizont, der Äquator und der Tierkreis. Der Tierkreis war dabei die Hauptbezugsebene für die Bewegung der Planeten, für die Lage der Sterne und für alle Deutungen.

Welche Vorstellungen über die Erde als Weltkörper früher bestanden, ist nicht bekannt. Durch die römische Literatur kam die Kenntnis von der Kugelgestalt der Erde, die allerdings erst allmählich Eingang fand, und von den 4 Erdteilen. Messungen über die Größe der Erde wurden im Mittelalter nicht angestellt. Sehr selten sind auch Bestimmungen der Breiten- und der Längengrade.

Natürlich wurden die Mondphasen und der Sonnenlauf wie auch bei den Germanen üblich beobachtet. Weitergehende Beobachtung wurden wie schon erwähnt nicht unbedingt für nötig erachtet. Erst im Laufe der Zeit wurden Himmelserscheinungen aufgezeichnet, so gibt es vom 11. Jahrhundert Planetentafeln, die in Klöstern angefertigt wurden. Anfang des Mittelalters gab es versuche, den Sternhimmel, der hauptsächlich von den Griechen übernommen wurde in christliche Sternbilder umzubenennen. Es entstanden Sternbilder wie z.B. „Zeichen Christi", „Großes Kreuz" oder „die zwölf Jünger". Diese Versuche haben sich allerdings nicht durchgesetzt.

 

Sternglaube und Sterndeutung

Die Sterndeutung wurde vom 11. Jahrhundert an so herrschend, dass es kaum einen Gelehrten gab, der nicht zu ihr Stellung nahm. Fast ausschließlich für die Zwecke der Sterndeutung wurden Jahrbücher, Kalender und Tafelwerke berechnet. Ihretwegen wurden das Wetter und auch die Planeten regelmäßig beobachtet. Doch die Stellung der Kirchenmänner zur Sterndeutung war nicht einheitlich. Die einen ließen einen Zusammenhang zwischen Himmelserscheinungen und irdischen Vorgängen nur für die Zeit bis zu Christi Geburt zu und verboten für die spätere Zeit selbst die Annahme eines solchen Zusammenhangs. Andere leugneten den Einfluss der Sonne und des Mondes auf die Pflanzen und Tiere nicht, lehnten aber jeglichen Einfluss auf den Menschen ab und ließen in dieser Beziehung nur die Allmacht Gottes gelten. Noch andere gingen weiter: sie verwarfen wohl das Geburtshoroskop, aber ließen doch zu, dass die Sterne die Zeit des Säens und Pflanzens, den Auftretens von Winden und des Arzneinehmens anzeigen und dass ein Komet einen feindlichen Einfall oder große Sterblichkeit bedeutet. Der Glaube an den Zusammenhang bestand und ließ sich selbst durch den Nachweis eines Nichtzusammenhangs nicht erschüttern. Bestes Beispiel für diesen blinden Glauben bieten die Tolederbriefe. Seit dem Jahr 1179 wurden die germanischen Länder durch Briefe in Schrecken gesetzt, die angeblich von dem Weisen Johann v. Toledo herrührten und auf Grund einer Zusammenkunft aller Planeten in der Waage starke Stürme und Erdbeben vorhersagten. Solche Vorhersagen fanden weite Verbreitung. Überall bestand große Furcht. Der Erzbischof von Canterbury ordnete dreitägiges Fasten an. Die Marbacher Geschichtsbücher berichten, dass man unterirdische Keller grub. Natürlich ging das Jahr 1186 vorüber ohne größer Unglücke. Trotzdem gab es auch in den folgenden Jahrhunderten immer wieder solche düstere Vorhersagen.

Wenn auch der Einfluss der Sterne auf das Schicksal des einzelnen Christen nicht anerkannt wurde, so hat das Christentum doch eine Verknüpfung seines Stifters mit den Himmelserscheinungen nicht abgelehnt. Außergewöhnliche Himmelserscheinungen, z.B. das Erscheinen des neuen Sternes der drei Weisen aus dem Morgenland und die gleichzeitige Sonnen- und Mondfinsternis bei der Kreuzigung Christi, einen Tag vor dem Vollmond, künden seine Geburt und seinen Tod an. Das Erscheinen von Kometen und das Eintreten von Finsternissen wurde als Warnung Gottes angesehen; seine Wirkung versuchte man durch Gottesdienste und Gebete abzuschwächen.

 

Das Weltbild des Mittelalters

Natürlich wurden auch die Überlieferungen in der Bibel für die Konstruktion eines Weltbildes herangezogen. So heißt es in Genesis I, Vers 6 und 7: „Und Gott sprach: Es werde ein Firmament zwischen den Wassern, und es sei eine Trennung zwischen den Wassern. Und Gott schuf das Firmament und trennte die Wasser, die über dem Firmament waren."

Im 6. Jahrhundert stellte der Mönch Cosmas dieses Modell der Welt genauer dar. Gleich im ersten Band seiner zwölf Bücher mit dem Titel „Gegen jene, die sich zwar zum Christentum bekennen, aber wie die Heiden glauben und sich vorstellen, dass der Himmel sphärisch sei" belehrt uns Cosmas, dass die Welt rechteckig sei, und zwar zweimal so lang wie breit. Die Erde sei eine flache Insel inmitten des Universums. Sie sei von allen Seiten mit Wasser umgeben. Aber ein wenig weiter entfernt gäbe es eine zweite Erde. Das sei der Ort des Paradieses, und dort habe sich der Mensch befunden, ehe Noah alle Welt auf die heutige Erde führte. Hohe senkrechte Mauern umschließen dieses Universum und sein Dach ist ein Halbrund. Die Engel bewegen die Gestirne. Ein riesiger Berg liegt an einem Ende der Erde, und die Gestirne verschwinden, wenn die Engel sie hinter diesen Berg stoßen, wo sie dem Blick der Menschen verborgen sind.

In den Stürmen der Völkerwanderung ging auch das Weltbild der Griechen unter, zusammen mit seinen astronomisch-mathematischen Kenntnissen. Das frühe Christentum stellte die bekannte Welt als Scheibe dar - mit Jerusalem im Zentrum der Welt. Erst langsam wurde griechisches Bildungsgut von neuem bekannt, zunächst über die Vermittlung des toleranten Islam. Ab 1200 durften Theologen aristotelische Gedanken in die Lehren der christlichen Philosophie einbauen. Seine hierarchischen Vorstellungen vom ersten Beweger außerhalb der Fixsternsphäre und der von dort aus immer geringeren Wertigkeit der Sphären bis herab zur Erde passten nun gut in die christliche Lehre. Zuoberst kamen Gott und die Engelscharen als Welt des Glaubens, darunter folgte die geistige Welt der Philosophie, darunter die materielle Welt der Sterne und der Erde. Der Mensch auf der Erde lebte gefährlich benachbart zur Welt des Teufels unter der Erdoberfläche, konnte sich aber durch Bildung und Glauben emporheben zu Gott (siehe nebenstehende Abbildung). Dieses hermetische Ganzheitsbild des Mittelalters war nicht nur eine Beschreibung der Welt, sondern eine moralische Aufforderung: So sollst Du, Mensch, handeln. Gott in seiner Vollkommenheit ist fern von Dir und doch erreichbar. Dieses einfache - im astronomischen Prinzip Eudoxische - Weltbild kollidierte mit den komplexen Ptolemäischen Bewegungen, als man begann - zur Gestirnsberechnung etwa bei Kalender- oder Navigationsaufgaben - sich wieder damit zu beschäftigen. Ab dem 14. Jahrhundert wurde die Diskussion heftiger. Auch über die Bewegung der Erde, aber nur als Hypothese! Gott hatte selbstverständlich die Erde mit dem Menschen ins Zentrum der Welt gesetzt.

Mit dieser Ausgabe ist die Serie "Astronomie früher Kulturen" beendet. Ich hoffe, ich konnte Ihnen die sternkundlichen Kenntnisse und Fähigkeiten unserer Vorfahren näher bringen. Sollten Sie noch fragen zu diesem Thema haben, so können Sie mich gerne auf der Sternwarte in Diedorf ansprechen oder einfach ein e-mail schicken.


Dieter Meyer

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